Sechs Musiker die sich um die 20 Gastmusikanten angeln, um ein dunkles Metalbum aufzunehmen – schon allein das klingt mächtig. Wenn eine Death/Prog/BM-Band ihre Einflüsse dann auch noch mit Tupac Shakur, Korn und Simon & Garfunkel benennt, darf man sich zurecht fragen, was einem da wohl blühen mag. „Ein an Genialität grenzendes Stück Schizophrenie“ wäre wohl meine Antwort.
Diskutiert man diese Platte müsste man eigentlich auf jedes Lied im einzelnen eingehen und jedes mal gäbe es einiges zu sagen. Um den Leser nicht allzu sehr zu strapazieren beschränke ich mich auf Schlaglichter.
Mit „Det Rakner!“ lässt die Band beispielsweise direkt die Sau raushängen und wütet irgendwo zwischen Tech-Death und üblem HC. Doch nein! Nach zweieinhalb Minuten kommt aus dem Nichts einer der krassesten und härtesten Breaks die ich bisher miterleben durfte, Keys am Start, mehrstimmiger und schwer melodischer Gesang und dann zurück an die Schnellfeuerwaffen. Das ist heftig und ziemlich genial, ein achteinhalbminütiger Wahnsinn.
„Octobers Monody“ beginnt mit Hammondorgel und einem Progriff, dann wird dazwischengekeift und dann geht’s erst mal mit 170 über Kopfsteinpflaster. Nach 800 Metern steht gefrorenes Wasser auf der Piste und die Kiste rutscht drüber wie ein heißes Messer durch Butter. Dann folgen bergauf-Passagen auf schenkeltief vermatschten Pfaden, unsere Reifen mutieren zu Monstertruckwalzen und seitlich spritzt der Schmodder unter uns. Oben angekommen verwandelt sich unser Gefährt in einen schnuckligen VW Käfer mit original Brezelfenster und wir rollen mit Schrittgeschwindigkeit auf eine sonnendurchflutete Lichtung. Eine Rehkuh kommt freundlich an uns herangetrottet, im Maul eine Schlüsselblume für unsere serienmäßig eingebaute Blumenvase. Wir bedanken uns mit ausgedehnten Streicheleinheiten.
In Vain klingen, anders als ihr Bandname, wirklich zu jeder Minute frisch, genial und kreativ. „The Latter Rain“ ist ein Lehrstück in Sachen Stilmix. Es reicht eben nicht, einfach nur diverse Teile aneinander zu kleben und zu denken, dass Ergebnis werde schon passen. Die Sorgfalt, mit der die Norweger aus Kristiansand musizieren animiert zum Applaudieren. Ständig auf der Suche nach Neuem, ständig in Bewegung ohne dabei kopflos wie der Wolf durch den Hühnerstall brechend – und die Rechnung geht voll auf. In Vain finden mehr als nur eine Perle, jede Muschel die sie anpacken scheint die ersehnten Juwelen förmlich auszukotzen.
Und das nicht nur, wenn man auf hart macht. „I Total Triumf“ überrascht nach fünf Songs mit wirklich gutem Saxophon (und ich hasse das Ding für gewöhnlich wie sonst was) und Piano, bei „As I Wither“ ist es das Cello, das den doomigen Grundtenor forciert – holla die Waldfee.
Keine Rezension kann in diesem Falle erschöpfend sein und der auditive Eindruck wird sämtliche Worte toppen. Selten fällt es mir so leicht wie hier, eine nachdrückliche Kaufempfehlung auszusprechen, denn In Vain wird begeistern, und zwar über Genregrenzen hinweg. Egal welche der bereits angesprochenen Arten von Metal man auch bevorzugen mag – „The Latter Rain“ überzeugt die, die in erster Linie Musik mögen. Ihr wollt einen sicheren Kandidaten für eure persönlichen Jahres-Top-10? Na dann los.
Tracklist:
01. The Latter Rain
02. In the Midnight Hour
03. Det Rakner!
04. October's Monody
05. Their Spirits Ride With the Wind
06. I Total Triumf
07. The Titan
08. As I Wither
09. Morning Sun
10. Sorgenfri

Bewertung: 96%
VÖ: 29.05.2007
www.invain.org
www.myspace.com/invainno
In Vain im Interview (dt./engl.)
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